La Neige Snow Schnee Sneeuw 1

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Alle gedichten op PDF: Sneeuw compl

Inhoud

  • EINWINTERN
  • SCHNEESTADT
  • SCHWEBEND IM SCHNEE
  • AN EINEM WINTERMORGEN
  • In Yoshino auch
  • Tief in den Bergen
  • So trüb ist alles.
  • Tief in den Bergen
  • Der dicht gefallen
  • Beim ersten Schneefall
  • Mein Pferd halt ich an
  • Die Bucht von Tago
  • In des Gartens Schnee
  • über Bergpfade
  • Beide gemeinsam
  • Nur aus der Ferne
  • Weil der auf den Reif
  • WINTERLIED
  • Du merkst nicht
  • DEZEMBERMORGEN
  • WINTER
  • SCHNEE
  • Der Winter
  • weiss
  • Der Winter.
  • Versöhnung
  • Schwanenlied
  • Hüllt der Frost den Kreis der Erden
  • Kirsch-Blühte bey der Nacht
  • Herbstmorgen
  • Polarszene
  • Schneeglöckchen
  • Erster Schnee
  • Winternacht
  • Lied eines Lappländers
  • Soldatenabschied
  • Ein Winterabend
  • Das ist das Haus am schwarzen Moor
  • Zigeunerlied
  • Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga
  • März
  • Unterm weißen Baume sitzend
  • Caput XVI
  • SEEFAHRT
  • AUFSCHWUNG
  • TRÜBER HIMMEL
  • Abendrauch
  • Die Pflaumenblüte
  • Neujahr
  • Krähe an einem Schneemorgen
  • Il NEIGE SUR LIÈGE
  • FLEURS DE MARÉCAGE
  • “Dans l’interminable…”
  • Neiger (ou écrire en hiver)
  • BLANCHE, MA SAVETIÈRE
  • Un soir de neige
  • Der Schnee verwandelt  La nieve ha convertido
  • ESTAMPA DE INVIERNO WINTER SCENE
  • Winter
  • Heimkehr
  • Weinenden Herzens
  • Der schnee

EINWINTERN
Die frühen Schatten sinken
Umdüsternd ins Gelaß,
Zufällig huseht ein Blinken
Vom toten Spiegelglas,
Wie bleicher Hände Locken, …
Wie stummes Abschiedwinken
Mit Tüchern tränennass …
Nun fallen bald die weißen Flocken.

Es scheint mit Horn und Zinken
Zum ungeschlachten Baß
Gespenstisch herzuhinken
Vom Friedhof Gaß um Gaß
Im Hall der gellen Glocken,
Die Türe aufzuklinken,
Wer horcht mir ins Gelaß? …
Nun fallen bald die weißen Flocken.
O. Loerke

SCHNEESTADT
Da du, der Wandernacht nun überdrüssig,
Vor der Laterne säumst im Schneegehetze,
Wirds unter deiner Wimper golden flüssigBespannt
der Schnee dein Licht mit seinem Netze?

Verirrt dein Sinn zu tief sich an die Teiche,
Die aus den Jahren unterirdisch weinen
Und Leides Spuk wie Linnen auf der Bleiche,
Betreut von toten Fingern, widerscheinen?

Inzwischen wächst die silberschiere Wehe,
In stummem Zauber wie versiebenfältigt.
Du fliehst, wie wenn die Schwermut rings erstehe,
Vom eigen en Gedanken überwältigt.

Aus Tiefem steigen auf die weißen Schanzen,
Aus Unterwelten heben sich die Gassen
Und fügen Trümmer, Wand um Wand, zum Ganzen
Und ordnen lautlos steife Häusermassen.

Um Dach und Simse wuchert breiter Schimmel.
Die Stadt ist tot, sie hat sich längst begeben.
Verschneit dir unterm Fuße liegt ihr Himmel
Mit seinem Sonnwendabend von soeben:
Die Speichertürme waren rot geworden,
Die Dohlen schwärmten mönchisch in die Luken,
Als warte ein besessner Vogelorden
Die Feueröfen, die ihr Opfer buken.

Nun scheint es manchmal aus dem Schnee zu flattern,
Geflügelt sich den Weg herauf zu bahnen.
Umsonst, es wächst die Unterwelt, es schnattern
Auf weißer Einsamkeit die Eisenfahnen.

O. Loerke

SCHWEBEND IM SCHNEE
Wie mit langen sausenden Wurzeln hängt Sturm in der
Nacht,
Von ihnen trieft Schnee in großen Frachten.
Die Stadt schläft inmitten, dennoch abseits,
In ihren Fuchsburgschachten die Grubenlichter wachen.

Mein hörender Geist, dem unaufhörlichen Sausen
lauschend,
Führt mich und findet in ihm die monotone beschreitbare
Fläche,
Bannt mir die Wirbel des Schnees und ebnet sie weit
hinaus
Und winkt auf irdischem Fuße verbotene Ebne ambrosisch
sommerndes Lächeln.

Meine Demut erblüht, sieh, auf dem Blumenplan,
Der unter Schwerem einsinkt: eine grüne Nessel.
o meine Demut, wir lebten einander vorüber,
Wir haben uns nicht gewusst, uns vergessen.

Oh, nun ist nicht Zeit mehr zu lauschen,
Wie sie jubeln im Julidonner: zwei Drosseln Meine
Begeisterungen von einst,
Aus diesen Augen früh und flüchtig ergossen!

Im Hochwald rinnt ein roter Bach:
Sonne unter der Sonne –
Meine Seele grübelt sich durch das Gestein,
Nie hat sie sich meiner entsonnen.

Zuckender Schnee,
Rasende Reise
Des Himmels ins Weh,
Irr engt sich das Weite.
O. Loerke
AN EINEM WINTERMORGEN

Die Seele grünt noch im Sehnsuchtskummer,
Der mit dem Schlafe nicht entschlief.
Am Ohre lungert ihm Fernsprechnummer
Maschinenhacken, Schema Brief.

Er sieht: In rubinener Tagesneige
Nimmt raschen Abschied, was ewig hieß,
schattet mit breiten Blättern die Feige
Ober den Weg aus dem Paradies.

Eben hat er den Enzian gebrochen
Auf einem Berg, den die Eiszeit verschlang,
Und er hat am brandiges Opfer gerochen
Zum Gebet, das ein Ahnherr für ihn sang.

Im Lichte der Sichel, fern hergeliehen
Vom donnernden Tage, der jenseits stand,
Ist ihm das nächtliche Weistum gediehen
Bei schlissigem Laub an herbstkalter Wand.

Die Atemwolke aus ihm dauert
Im Raum, wo Vergehendes stille steht,
Wo der Büßer, der auf dem Bettrand kauert,
Dräußen im Frost hackt, vom Nachtschnee verweht.

O. Loerke

In Yoshino auch
die Berge dunstverhangen wo
weiger Schnee noch
fiel, in der alten Heimat
ist der Frühling gekommen.

Fujiwara Yoshitmne
Tief in den Bergen .
weiß man noch nichts vom Frühling.
An der Kieferntür
langsam erst rinnen herab
Perlen tauenden Schnees.

Prinzessin Shikishi

So trüb ist alles.
Im Heimatdorf noch immer
im dicktiefen Schnee
zeigt sich keines Fußes Spur:
Und doch zog der Frühling ein.

Kunaikyö

Tief in den Bergen
noch immer kalt sein Leuchten der
Mond des Frühlings.
Wolkenbedeckt der Himmel
und unaufhörlich fällt Schnee.

Echizen

Der dicht gefallen,
der Schnee auf hohen Gipfeln
ist nun geschmolzen.
Auf dem Kiyotaki-Flug
schneeweiß des Wassers Wellen.

Der Mönch Saigyö
Beim ersten Schneefall
heute morgen, auf den Freund
hat es gewartet;
das so einsame Bergdorf,
im Schnee zur Abendstunde.

Der Mönch Jakuren

Mein Pferd halt ich an,
die Armel abzuschütteln
kein Schutzdach gibt es.
An der Fähre von Sano,
beim Schnee zur Abenddämmrung.

Fujiwara Sada’ie

Die Bucht von Tago
besucht man und blickt hinaus:
In leuchtendem Weiß
des Fujis hoher Gipfel,
wo noch und noch fällt der Schnee.

Yamabe Akanito

In des Gartens Schnee
der Füße Spur drückt’ ich ein
beim Hinausgehen.
Hat ihn wohl jemand besucht? werden
andre sich wundern.

Erzbischof Ji’en

über Bergpfade
nahm er heut morgen den Weg,
der Wanderer –
auf seinem Hut weiß leuchtend
häuft sich und häuft sich der Schnee.

Minamoto Tsunenobu

Beide gemeinsam
brachen wir auf ins Weite,
unvergesslich bleibt’s.
über der Hauptstadt Berge
der verblassende Frühmond.

Fujiwara Yoshitsune
Nur aus der Ferne
möcht’ ich ihn sehen, sonst nichts!
In Kazuraki
von des Takama-Berges
Gipfel den weißen Schnee

Unbekannter Dichter
Weil der auf den Reif
heut morgen gefallne Schnee
Kühle verbreitet,
so doppelt grausam nunmehr
erscheint mir der Geliebte.

Minamoto Shigeyuki

WINTERLIED
Mir träumt’, ich ruhte wieder
Vor meines Vaters Haus
Und schaute fröhlich nieder
In’s alte Tal hinaus,
Die Luft mit lindem Spielen
Ging durch das Frühlingslaub,
Und Blüten-Flocken fielen
Mir über Brust und Haupt.

Als ich erwacht, da schimmert
Der Mond vom Waldesrand,
Im falben Scheine flimmert
Um mich ein fremdes Land,
Und wie ich ringsher sehe:
Die Flocken waren Eis,
Die Gegend war vom Schneee,
Mein Haar vom Alter weiß.

J. von  Eichendorff

Du merkst nicht
Du spürst nicht
dass der Schnee der Jahre
in dein Haar fällt
und merkst nicht
wie die Sonne
deinen Weg verbrennt

Im Licht
schwimmst du hinaus ins Meer
verstehst dich mit Delphinen
und merkst nicht
das das Wasser finster wird

Kommst zurück zur Erde
die du liebst
und merkst nicht dass sie
weggewandert ist
und du an ihrem Rand stehst

Du steigst hinauf
zum schneebestirnten Gipfel
bewunderst das Panorama
unten das grüne Tal
und merkst nicht
dass ein Grab geschaufelt wird

R. Ausländer
DEZEMBERMORGEN
Der Morgen
steckt mit kalter Hand
Turm um Turm
in die Erde zurück,
reist das Tuch auf,
unter dem du lagst,
warm und geborgen,
schneidet dich aus
mit blankem Messer.

Entblösst, verletzt,
entstellt,
wirft dich
der Spiegel zurück.

Alles, was dein war,
Traum und Hoffnung,
dein Leben zu tauschen,
der Plan es zu ändern,
blieb zwischen den Fäden
des nächtlichen Tuchs.

Fröstelnd gehst du
hinaus ins Graue,
die Mauern entlang.

Wände, Wände
und keine Tür,
die dir offen stünde.
Die Fenster sind alle
verschlossen, verhängt.

Da fallen Strähnen
auf deinen Weg,
Flocken, Locken,
van weither geweht,
berühren dein Haar,
dein Knie, deinen Schuh.

Du trittst darauf,
auf Chrysanthemen,
verscharrtes Laub,
zerfetzte Schleier,
ein Schneegesicht.

Auf dem Platz der Freiheit
springt die Fontäne
nicht mehr.
Im Brunnengrund atmet
der Himmel noch einmal,
bevor er zu Eis wird,
Figur und Blume.

W. Bächler
WINTER
Die Singvögel sind entkommen.
Die Lastkähne froren ein,
bevor sie das Meer erreichten.
Der Fluss steht still in den Dämmen.

Vom Gartenbeet schaufelt ein Kind
den Schnee. »Suchst du Blumen?«
»Die Blumen sind tot. Ich mache
ein Bett für den Wind!«

Die Mutter mästet das Feuer.
Im eisernen Käfig, zum Haustier
gezähmt, frisst es ihr aus der Hand.

Der Rauch stösst vergebens nach oben.
Der Himmel lässt ihn nicht ein.

Im Garten hat sich der Wind gelegt.
Er zieht den Schnee bis ans Kinn
und verbirgt sein Gesicht
unter ruhigen Strähnen.

Die Spatzen fliegen aus seiner Hand
unversehrt zu den Tauben aufs Dach.
Wir decken den Tisch für die Raben.

Zwei Schreinergesellen haben den Brunnen
in Bretter gehüllt und vernagelt.
affen beugt sich ein Mund darüber,
der seine Sprache verlor.
In den Augen vereisen die Tränen.

W. Bächler
SCHNEE
Da sind nur Winterschneisen und die Hieroglyphen in
der schwarzen Äste vor der Wolken Wand des Himmels,
nackt wie dein Denken diesen Nachmittag,
die Schrift der Wildspur und der Vogelkrallen.

Du trittst in ihre ungelösten Rätsel ein,
durchkreuzt die Linien, störst die Kreise,
ziehst Tangenten, einen plumpen Strich
durch deine Leere, die sich vor dir dehnt,
versuchst die Bilder zu addieren.
Doch sie verweigern dir die Summe,
bleiben isoliert wie du ‘
in diesem weissen Raum.

Du spielst mit einem Zapfen
abgebrochnen Eises, mit dem Schorf
vernarbter Wunden, ballst den Schnee
ohnmächtig in der Faust zu harten Kugeln
und lässt ihn schmelzen, um dir zu beweisen,
dass du noch etwas Wärme in dir hast.

W. Bächler

Der Winter
Helmut hört zur Weihnachtszeit
Kinder alle = seid bereit =
und wollen wir auch einsam sein.
und lässt das liebe Englein rein.
so weis wie auch die Flüglein
sind.«
ist auch der Schnee du liebes Kind.

Ernst Herbeck
weiss
weiss ist der Schnee. Weiss ist das Eiweiss
weiss ist der Tote nicht. weiss sind die Karpfen.
weiss ist der Anzug. weiss sind die Blumen.
weiss ist der Ton der Farbe. Weiss sind die Russen.
weiss ist schön. weiss sind die Fische
weiss bleierne Eier. weiss sind die bleiernen Eier
weiss ist sehr gut. so manches Ei ist weiss
weiss ist nicht schwarz.
weiss ist nicht hell.
weiss ist auch nicht blau.
weiss ist der Himmel.

Ernst Herbeck
Der Winter.
Der Winter liegt im Bette gar
und hüllt sich in Schnee und Eis
Er friert in der Hand
und macht weiss das ganze Land.
Er dauert die Zeit
über Jänner und Fasching weit.
Der Winter schneit und der Wind
und der Wind erzählt es breit.

Ernst Herbeck
Versöhnung
Erst sah ich weiße Fahnen
und wurde blaß, ich mag nicht siegen.
Doch dann glitten deine Tauben herüber,
so sanft
schicktest du die weißen Tauben
von dir zu mir,
Taube um Taube,
ich atmete kaum,
das Zimmer war weiß von ihnen.
Ich hielt die Hände hin:
schneeflockenfeucht von deinen
Tränen
tranken sie meine Tränen.
Hilde Domin

Schwanenlied

Wenn die Augen brechen,
Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,
Wenn das pochende Herz sich stillet
Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:
O dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder,
Und ich hör’ der Engel Lieder wieder,
Die das Leben mir vorüber trugen,
Die so selig mit den Flügeln schlugen
Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,
Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,
Die so süße wildentbrannte Psalmen sangen:
Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,
Bis das Leben war gefangen und empfangen;
Bis die Blumen blühten;
Bis die Früchte glühten,
Und gereift zum Schoß der Erde fielen,
Rund und bunt zum Spielen;
Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten,
Und die Wintersterne sinnend lauschten,
Wo der stürmende Sämann hin sie säet,
Daß ein neuer Frühling schön erstehet.
Stille wird’s, es glänzt der Schnee am Hügel
Und ich kühl’ im Silberreif den schwülen Flügel,
Möcht’ ihn hin nach neuem Frühling zücken,
Da erstarret mich ein kalt Entzücken –
Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne
Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne
Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen
Schau’ ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;
Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen
Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:
Süßer Tod, süßer Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot.
[Brentano: Schwanenlied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 284
Hüllt der Frost den Kreis der Erden
In ein Kleid, das Silber-weiß,
Wenn recht als begraben werden
Feld und Land in Schnee und Eis;
Sucht der Mond, mit blassen Strahlen,
Auch die Schatten weiß zu malen,
Und sein kühler Silber-Schein
Scheint dem Winter gleich zu seyn.
[Brockes: Die Sonne. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 338
Kirsch-Blühte bey der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh’te,
In küler Nacht beym Monden-Schein;
Ich glaubt’, es könne nichts von gröss’rer Weisse seyn.
Es schien, ob wär’ ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der klein’ste Ast
Trug gleichsam eine rechte Last
Von zierlich-weissen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich jedes Blat,
Indem daselbst des Mondes sanftes Licht
Selbst durch die zarten Blätter bricht,
So gar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht’ ich, kann auf Erden
Was weissers ausgefunden werden.
Indem ich nun bald hin bald her
Im Schatten dieses Baumes gehe:
Sah’ ich von ungefehr
Durch alle Bluhmen in die Höhe
Und ward noch einen weissern Schein,
Der tausend mal so weiß, der tausend mal so klar,
Fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blühte Schnee schien schwarz zu seyn
Bey diesem weissen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
Von einem hellen Stern ein weisses Licht,
Das mir recht in die Sele stral’te.
Wie sehr ich mich an GOtt im Irdischen ergetze,
Dacht’ ich, hat Er dennoch weit grös’re Schätze.
Die gröste Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.
[Brockes: Kirsch-Blühte bey der Nacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 358
Herbstmorgen

Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,
Den Mond still – abwärts zu geleiten;
Der Wind durchfegt die starren Äste,
Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten.

Schon flattern in der Luft die Raben,
Des Winters unheilvolle Boten;
Bald wird er tief in Schnee begraben
Die Erde, seinen großen Toten.

Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,
Es bangt ihn vor des Eises Ketten;
Drum stürzt er fort und sucht das Weite,
Als könnt’ ihm Flucht das Leben retten.

Da mocht’ ich länger nicht inmitten
So todesnaher Öde weilen;
Es trieb mich fort, mit hast’gen Schritten
Dem flücht’gen Bache nachzueilen.
[Fontane: Herbstmorgen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 708

Polarszene

Auf blinkenden Gefilden
Ringsum nur Eis und Schnee,
Verstummt der Trieb zu bilden.
Kein Sänger in der Höh.
Kein Strauch, der Labung böte,
Kein Sonnenstrahl, der frei,
Und nur des Nordlichts Röte
Zeigt wüst die Wüstenei.

So siehts in einem Innern,
So stehts in einer Brust,
Erstorben die Gefühle,
Des Grünens frische Lust.
Nur schimmernde Ideen,
Im Kalten angefacht,
Erheben sich, entstehen
Und schwinden in die Nacht.
[Grillparzer: Tristia ex Ponto. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1137

Schneeglöckchen

Schneeglöckchen, ei, du bist schon da?
Ist denn der Frühling schon so nah?
Wer lockte dich hervor ans Licht?
Trau’ doch dem Sonnenscheine nicht!
Wohl gut er’s eben heute meint,
Wer weiß, ob er dir morgen scheint?

»Ich warte nicht, bis Alles grün;
Wenn meine Zeit ist, muß ich blüh’n.
Der mich erschuf für diese Welt,
Heißt blüh’n mich, wann es ihm gefällt;
Er denkt bei Schnee und Kälte mein,
Wird stets mein lieber Vater sein.«
[Hoffmann von Fallersleben: Schneeglöckchen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1712

Erster Schnee

Wie nun alles stirbt und endet
Und das letzte Rosenblatt
Müd sich an die Erde wendet,
In die warme Ruhestatt:
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns heiß und wild erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei ins welke Laub gelegt!

Reiner, weißer Schnee, o schneie,
Schneie beide Gräber zu,
Daß die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Winterruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,
Die allein die Liebe weckt,
Wo der Haß umsonst die Hände
Träumend aus dem Grabe streckt!
[Keller: Erster Schnee. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2172

Winternacht

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee,
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied für Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet’ sie
An der harten Decke her und hin.
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!
[Keller: Winternacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2212
Lied eines Lappländers

Komm Zama, komm! Laß deinen Unmuth fahren,
O du der Preis
Der Schönen! komm! In den zerstörten Haaren
Hängt mir schon Eis.

Du zürnst umsonst. Mir giebt die Liebe Flügel,
Nichts hält mich auf.
Kein tiefer Schnee, kein Sumpf, kein Thal, kein Hügel
Hemmt meinen Lauf.

Ich will im Wald auf hohe Bäume klimmen
Dich auszuspähn,
Und durch die Fluth der tiefsten Ströhme schwimmen,
Um dich zu sehn.

Das dürre Laub will ich vom Strauche pflücken,
Der dich verdeckt,
Und auf der Wies’ ein iedes Rohr zerknicken,
Das dich versteckt.

Und solltest du, weit übers Meer, in Wüsten
Verborgen seyn;
So will ich bald an Grönlands weißen Küsten,
Nach Zama schreyn.
Die lange Nacht kommt schon. Still mein Verlangen
Und eil zurück!
Du kommst, mein Licht! du kommst, mich zu umfangen;
O, welch ein Glück!
[Kleist: Lied eines Lappländers. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2290
Soldatenabschied

Heute scheid’ ich, heute wandr’ ich,
Keine Seele weint um mich.
Sind’s nicht diese, sind’s doch andre,
Die da trauern, wenn ich wandre:
Holder Schatz, ich denk’ an dich.

Auf dem Bachstrom hängen Weiden,
In den Tälern liegt der Schnee –
Trautes Kind, daß ich muß scheiden,
Muß nun unsre Heimat meiden,
Tief im Herzen tut mir’s weh.

Hunderttausend Kugeln pfeifen
Über meinem Haupte hin –
Wo ich fall’, scharrt man mich nieder,
Ohne Klang und ohne Lieder,
Niemand fraget, wer ich bin.

Du allein wirst um mich weinen,
Siehst du meinen Totenschein.
Trautes Kind, sollt’ er erscheinen,
Tu’ im Stillen um mich weinen,
Und gedenk’ auch immer mein.
[Müller: Soldatenabschied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2856

Ein Winterabend

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.
[Trakl: Ein Winterabend. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 3875

Das ist das Haus am schwarzen Moor

Das ist das Haus am schwarzen Moor!
Wer dort im letzten Winter fror,
Der friert dort nicht in diesem Jahr –
Er sank schon längst auf die Totenbahr.

Das ist das Haus am schwarzen Moor,
Das Haus, wo der alte Jan erfror.
Zur Tür gewandt das weiße Gesicht,
Starb er und wußt es selber nicht.

Er starb. – Da kam, wie ein scheues Reh,
Der Tag und hüpfte über den Schnee.
»Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –
Der Jan keine Antwort geben kann.

Da erhuben die Glocken ihr hell Geläut,
Sie sangen und klangen und riefen so weit:
»Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –
Der Jan keine Antwort geben kann.

Da kamen die Kinder aus der Stadt:
»Wir wissen, wie lieb er uns alle hat;
Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –
Der Jan keine Antwort geben kann.
Tag, Glocken und Kinder er nicht verstund.
Da nahte die sonnige Mittagsstund,
Da nahte ein armes Weib: »Mein Jan,
Willst essen und trinken nicht, alter Mann?

Sieh, was ich brachte dir aus der Stadt;
Sollst froh nun werden und warm und satt!« –
Die Alte sah lange auf ihren Jan,
Da fing sie bitter zu weinen an.

Da weinte sie an dem schwarzen Moor,
Am Moor, wo der alte Jan erfror;
Da weinte sie ihr brennend Weh
Hinunter in den kalten Schnee.
[Weerth: Lieder aus Lancashire. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 4067

Zigeunerlied

Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee,
Im wilden Wald, in der Winternacht,
Ich hörte der Wölfe Hungergeheul,
Ich’ hörte der Eulen Geschrei:
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!

Ich schoß einmal eine Katz am Zaun,
Der Anne, der Hex, ihre schwarze, liebe Katz;
Da kamen des Nachts sieben Werwölf zu mir,
Waren sieben, sieben Weiber vom Dorf.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!

Ich kannte sie all, ich kannte sie wohl,
Die Anne, die Ursel, die Käth,
Die Liese, die Barbe, die Ev, die Beth;
Sie heulten im Kreise mich an.
Wille wau wau wau!
Wille wo wo wo!
Wito hu!
[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 263

Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga

Aus dem Morlackischen

Was ist Weißes dort am grünen Walde?
Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?
Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen;
Wären’s Schwäne, wären weggeflogen.
Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,
’s ist der Glanz der Zelten Asan Aga.
Nieder liegt er drin an seiner Wunde.
Ihn besucht die Mutter und die Schwester;
Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.

Als nun seine Wunde linder wurde,
Ließ er seinem treuen Weibe sagen:
»Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,
Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen.«

Als die Frau dies harte Wort vernommen,
Stand die Treue starr und voller Schmerzen,
Hört der Pferde Stampfen vor der Türe,
Und es deucht ihr, Asan käm, ihr Gatte,
Springt zum Turme, sich herabzustürzen.
Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,
Rufen nach ihr, weinend bittre Tränen:
»Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,
Ist dein Bruder Pintorowich kommen!«

Und es kehret die Gemahlin Asans,
Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:
»Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!
Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!«

Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,
Eingehüllet in hochrote Seide,
Ausgefertiget den Brief der Scheidung,
Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,
Frei, sich einem andern zu ergeben.

Als die Frau den Trauerscheidbrief sahe,
Küßte sie der beiden Knaben Stirne,
Küßt’ die Wangen ihrer beiden Mädchen.
Aber ach! vom Säugling in der Wiege
Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!

Reißt sie los der ungestüme Bruder,
Hebt sie auf das muntre Roß behende,
Und so eilt er mit der bangen Frauen
Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.

Kurze Zeit war’s, noch nicht sieben Tage;
Kurze Zeit gnug; von viel großen Herren
Unsre Frau in ihrer Witwentrauer,
Unsre Frau zum Weib begehret wurde.

Und der größte war Imoskis Kadi;
Und die Frau bat weinend ihren Bruder:
»Ich beschwöre dich bei deinem Leben,
Gib mich keinem andern mehr zur Frauen,
Daß das Wiedersehen meiner lieben
Armen Kinder mir das Herz nicht breche!«

Ihre Reden achtet nicht der Bruder,
Fest, Imoskis Kadi sie zu trauen.
Doch die Gute bittet ihn unendlich:
»Schicke wenigstens ein Blatt, o Bruder,
Mit den Worten zu Imoskis Kadi:
Dich begrüßt die junge Wittib freundlich
Und läßt durch dies Blatt dich höchlich bitten,
Daß, wenn dich die Suaten herbegleiten,
Du mir einen langen Schleier bringest,
Daß ich mich vor Asans Haus verhülle,
Meine lieben Waisen nicht erblicke.«

Kaum ersah der Kadi dieses Schreiben,
Als er seine Suaten alle sammelt
Und zum Wege nach der Braut sich rüstet,
Mit den Schleier, den sie heischte, tragend.

Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause,
Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder.
Aber als sie Asans Wohnung nahten,
Sahn die Kinder obenab die Mutter,
Riefen: »Komm zu deiner Halle wieder!
Iß das Abendbrot mit deinen Kindern!«
Traurig hört’ es die Gemahlin Asans,
Kehrete sich zu der Suaten Fürsten:
»Laß doch, laß die Suaten und die Pferde
Halten wenig vor der Lieben Türe,
Daß ich meine Kleinen noch beschenke.«

Und sie hielten vor der Lieben Türe,
Und den armen Kindern gab sie Gaben;
Gab den Knaben goldgestickte Stiefel,
Gab den Mädchen lange, reiche Kleider,
Und dem Säugling, hülflos in der Wiege,
Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.

Das beiseit sah Vater Asan Aga,
Rief gar traurig seinen lieben Kindern:
»Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen;
Eurer Mutter Brust ist Eisen worden,
Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen.«

Wie das hörte die Gemahlin Asans,
Stürzt’ sie bleich, den Boden schütternd, nieder,
Und die Seel entfloh dem bangen Busen,
Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 615

März

Es ist ein Schnee gefallen,
Denn es ist noch nicht Zeit,
Daß von den Blümlein allen,
Daß von den Blümlein allen
Wir werden hoch erfreut.

Der Sonnenblick betrüget
Mit mildem, falschem Schein,
Die Schwalbe selber lüget,
Die Schwalbe selber lüget,
Warum? Sie kommt allein!

Sollt ich mich einzeln freuen,
Wenn auch der Frühling nah?
Doch kommen wir zu zweien,
Doch kommen wir zu zweien,
Gleich ist der Sommer da.
[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 951

Ein Fichtenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh’.
Ihn schläfert; mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme,
Die, fern im Morgenland,
Einsam und schweigend trauert
Auf brennender Felsenwand.
[Heine: Buch der Lieder. Heine: Werke, S. 1225
Unterm weißen Baume sitzend,
Hörst du fern die Winde schrillen,
Siehst, wie oben stumme Wolken
Sich in Nebeldecken hüllen;

Siehst, wie unten ausgestorben
Wald und Flur, wie kahl geschoren; –
Um dich Winter, in dir Winter,
Und dein Herz ist eingefroren.

Plötzlich fallen auf dich nieder
Weiße Flocken, und verdrossen
Meinst du schon, mit Schneegestöber
Hab der Baum dich übergossen.

Doch es ist kein Schneegestöber,
Merkst es bald mit freud’gem Schrecken;
Duft’ge Frühlingsblüten sind es,
Die dich necken und bedecken.

Welch ein schauersüßer Zauber!
Winter wandelt sich in Maie,
Schnee verwandelt sich in Blüten,
Und dein Herz, es liebt aufs neue.
[Heine: Neue Gedichte. Heine: Werke, S. 1466
Caput XVI

Schaust du diese Bergesgipfel
Aus der Fern’, so strahlen sie,
Wie geschmückt mit Gold und Purpur,
Fürstlich stolz im Sonnenglanze.

Aber in der Nähe schwindet
Diese Pracht, und wie bei andern
Irdischen Erhabenheiten
Täuschten dich die Lichteffekte.

Was dir Gold und Purpur dünkte,
Ach, das ist nur eitel Schnee,
Eitel Schnee, der blöd und kläglich
In der Einsamkeit sich langweilt.

Oben in der Nähe hört ich,
Wie der arme Schnee geknistert,
Und den fühllos kalten Winden
All sein weißes Elend klagte.

»Oh, wie langsam« – seufzt’ er – »schleichen
In der Öde hier die Stunden!
Diese Stunden ohne Ende,
Wie gefrorne Ewigkeiten!

Oh, ich armer Schnee! Oh, wär ich,
Statt auf diese Bergeshöhen,
Wär ich doch ins Tal gefallen,
In das Tal, wo Blumen blühen!

Hingeschmolzen wär ich dann
Als ein Bächlein, und des Dorfes
Schönstes Mädchen wüsche lächelnd
Ihr Gesicht mit meiner Welle.

Ja, ich wär vielleicht geschwommen
Bis ins Meer, wo ich zur Perle
Werden konnte, um am Ende
Eine Königskron’ zu zieren!«

Als ich diese Reden hörte,
Sprach ich: »Liebster Schnee, ich zweifle,
Daß im Tale solch ein glänzend
Schicksal dich erwartet hätte.

Tröste dich. Nur wen’ge unten
Werden Perlen, und du fielest
Dort vielleicht in eine Pfütze,
Und ein Dreck wärst du geworden!«

Während ich in solcher Weise
Mit dem Schnee Gespräche führte,
Fiel ein Schuß, und aus den Lüften
Stürzt’ herab ein brauner Geier.

Späßchen war’s von dem Laskaro,
Jägerspäßchen. Doch sein Antlitz
Blieb wie immer starr und ernsthaft.
Nur der Lauf der Flinte rauchte.

Eine Feder riß er schweigend
Aus dem Steiß des Vogels, steckte
Sie auf seinen spitzen Filzhut,
Und er schritt des Weges weiter.

Schier unheimlich war der Anblick,
Wie sein Schatten mit der Feder
Auf dem weißen Schnee der Koppen,
Schwarz und lang, sich hinbewegte.

[Heine: Atta Troll. Heine: Werke, S. 2235
SEEFAHRT

Ich fuhr mit den freunden über den see
Der abend neigte sich
In dicken flocken flog der schnee
Und langsam unser nachen
Die dunkle flut durchstrich.

Die nebel verhüllten rings das land
Kein schein vom himmel schaut
Und von dörfern am strand
Erklingen die ave-glocken
Mit traurig gedämpftem laut.

Die küste beendet unsren lauf
Wir landen und steigen aus
Wir gehen zum kleinen ort hinauf ..
Kein mensch lässt sich erblicken
Und stumm steht jedes haus.

Wir kommen an der kirche vorbei
Die türe verschloss nicht ganz –
Es tönte darinnen wie litanei ..
Wir treten ein in der frommen kreise
Die mütter beten den rosenkranz.
Die freunde lachen – wir eilen fort.
Die zeit ist um! das dunkel droht!
Doch mich verlezt ihr spottend wort
Bin ich auch nicht viel besser selber –
Ich steige sinnend in das boot.
[Stefan George: Die Fibel. Auswahl Erster Verse. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 77
AUFSCHWUNG

Hoch oberhalb der weiher und der ähren
Der wälder und der berge und der see ·
Jenseits von wolken und von ewigem schnee ·
Jenseits der grenzen der gestirnten sfären ·

Dort regst du dich in freiheit · meine brust!
Und wie sich schwimmer in den wellen breiten
So ziehst du durch die unermesslichkeiten
Mit männlicher unsagbar grosser lust.

Flieh weit aus dieser kranken dünste giften ·
In einem höhern luftraum werde rein
Und trink wie einen himmlisch echten wein
Das klare feuer in den lichten triften!

Los von dem kummer von der grossen qual
– Des nebeldüstern daseins lästge zügel –
Wie ist der glücklich der mit starkem flügel
Entschweben kann ins stille heitre tal!

Der dess gedanken auf der lerche schwinge
Emporgetragen werden in der früh …
Er fasst die welt und deutet ohne müh
Der blumen sprache und der stummen dinge.

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1427
TRÜBER HIMMEL

Dein auge erscheint wie umschleiert von dunstigem tau
Geheimnisvoll (ist es blau oder grün oder grau?)
Das wechselnd grausam · träumerisch oder verliebt
Die gleichmut und blässe des himmels wiedergibt.

Du bist wie die tage weiss und lau und verhüllt
Wo sich das bezauberte herz mit tränen erfüllt
Wenn von dem wehe das unbekannt in ihnen kreist
Zu wache nerven verspotten den schläfrigen geist.

Zuweilen bist du den schönen wolken verwandt
Wenn sie die sonne der nebligen zeiten entbrannt ..
Wie wirfst du dann deinen schimmer – gefeuchtete welt
Von eines getrübten himmels strahlen erhellt!

O werd ich – gefährliche frau und verführende luft –
So lieben euren schnee und nebligen duft
Und nehme ich aus dem himmel trostlos und kahl
Vergnügen die stechender sind als eis oder stahl?

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1484
Abendrauch
Da und dorten schon
Hebt sich aus dem weißen Schnee
Abendlicher Rauch

Takakuwa Ranko
Die Pflaumenblüte
Einem, der ihn brach,
schenkt er dennoch seinen Duft –
Pflaumenbütenzweig!

Frau kaga no chiyo
Neujahr
Neujahrstag ist heut!
Wer mir heut den Schnee zertritt,
soll willkommen sein!

Yokoi Yayu

Krähe an einem Schneemorgen
Wintermorgenschnee –
Selbst die Krähe, sonst verhasst,
heute ist sie schön!

Matsuo Basho

“Dans l’interminable…”

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.

Comme des nuées
Flottent gris les chênes
Des forêts prochaines
Parmi les buées.

Le ciel est de cuivre
Sans lueur aucune.
On croirait voir vivre
Et mourir la lune.
Corneille poussive
Et vous, les loups  maigres,
Par ces bises aigres
Quoi donc vous arrive ?

Dans l’interminable
Ennui de la plaine
La neige incertaine
Luit comme du sable

P. Verlaine
Neiger (ou écrire en hiver)

Surprendre en silence la ville endormie
Portant la formule du froid
El le ciel muet,
Léchers des fils tendus, des branches
Sèches,
Se poser, se défaire, se fondre,
Sans bruit ni vent,
Descendre blanche inattendue,
Sans poids recouvrir
La route, la banc, le maison.

Fabio Pusterla
Les choses sans histoire
Le cose senza storia
(traduit par Mathilde Visscher)

BLANCHE, MA SAVETIÈRE
Neige d’octobre vole avec son ombre,
Nuée de novembre à l’aube rend l’âme,
Blanche de décembre fait briller la cendre,
À neige de janvier rouge tablier.
Grandit notre cœur  au givre des rois,
La Licorne blanche, de fureur s’abat !

R. Char
Un soir de neige
poèmes de Paul Eluard

1.        De grandes cuilliers de neige
De grandes cuilliers de neige
Ramassent nos pieds glacés
Et d’une dure parole
Nous heurtons l’hiver têtu
Chaque arbre a sa place en l’air
Chaque roc son poids sur terre
Chaque ruisseau son eau vive
Nous  avons pas de feu.

2.        La bonne neige
La bonne neige le ciel noir
Les branches mortes la détresse
De la forêt pleine de pièges
Honte à la bête pourchassée
La fuite en flêche dans le coeur

Les traces d’une proie atroce
Hardi au loup et c’est toujours
Le plus beau loup et c’est toujours
Le dernier vivant que menace
La masse absolue de la mort

3.        Bois meurtri
Bois meurtri bois perdu d’un voyage en hiver
Navire où la neige prend pied
Bois d’asile bois mort où sans espoir je rêve
De la mer aux miroirs crevés
Un grand moment d’eau froide a saisi les noyés
La foule de mon corps en souffre
Je m’affaiblis je me disperse
J’avoue ma vie j’avoue ma mort j’avoue autrui.

4.        La nuit le froid la solitude
La nuit le froid la solitude
On m’enferma soigneusement
Mais les branches cherchaient leur voie dans la prison
Autour de moi l’herbe trouva le ciel
On verrouilla le ciel
Ma prison s’écroula
Le froid vivant le froid brûlant l’eut bien en main.
Il NEIGE SUR LIÈGE
Il neige, il neige sur Liège
Et la neige sur Liège pour neiger met des gants
Il neige, il neige sur Liège
Croissant noir de la Meuse sur le front d’un clown blanc
Il est brisé le cri
Des heures et des oiseaux
Des enfants à cerceaux
Et du noir et du gris
Il neige, il neige sur Liège
Que le fleuve traverse sans bruit

Il neige, il neige sur Liège
Et tant tourne la neige
Entre le ciel et Liège
Qu’on ne sait plus s’il neige
S’jl neige sur Liège
Ou si c’est Liège qui neige vers le ciel
Et la neige marie
Les amants débutants
Les amants promenant
Sur le carré blanchi
Il neige, il neige sur Liège
Que le fleuve transporte sans bruit

Ce soir, ce soir il neige
Sur mes rêves et sur Liège
Que le fleuve transperce sans bruit
1965
gezongen J. Brel

SNEEUW OP LUIK
De sneeuw valt de sneeuw valt op Luik
En de sneeuw zet een pruik zet een pruik op straat
De sneeuw valt de sneeuw valt op Luik
zwarte maansikkel Maas in een doodsbleek gelaat
nu is dof het gekrijs
van de twintigste eeuw
van een hongerige meeuw
van het zwart en het grijs
de sneeuw valt de sneeuw valt op Luik
de rivier maakt haar zwijgende reis

de  sneeuw valt de sneeuw valt op Luik
en zo wervelt de sneeuw
tussen de lucht en Luik
dat je niet ziet valt de sneeuw
valt de sneeuw nu op Luik
of sneeuwt Luik nu sneeuwt Luik naar de nacht
onderdrukt is de geeuw
van  geliefden op straat
van geliefden zo laat
in een doosje vol sneeuw
de sneeuw valt de sneeuw valt op Luik
en  de Maas neemt de stad mee op reis

het sneeuwt het sneeuwt vanavond
op mijn buik en op Luik
en  de stad neemt de Maas mee op reis

Benno Barnard

FLEURS DE MARÉCAGE
Dans la dernière auberge sur la montagne
Où la glace et la neige sont éternelles,
Je reposais une nuit à bout de forces,
Car là l’hiver devait me protéger
Contre le mal dont le printemps est complice.
Là un songe allait chercher des fleurs traîtresses,
Dans un printemps lointain que je croyais perdu,
Il ouvrit ses bras, elles neigèrent sur les neiges;
La plaine glacée et blanche devint rose
Et resta rose une longue nuit d’hiver.

J. SLAUERHOFF
39
Der Schnee verwandelt die Welt in einen Friedhof.
Aber die Welt war bereits ein Friedhof,
und der Schnee kam nur, um es bekannt zu machen.

Der Schnee kam nur, um mit seinem
gliederlosen, dünnen Finger auf den wahren
und aufsehenerregenden Darsteller zu zeigen.

Der Schnee ist ein gefallener Engel,
ein Engel, der die Geduld verlor.

39
La nieve ha convertido al llundo en cellenterio.
Pero el llundo ya era un cellenterio
y la nieve sólo ha venido a publicarlo.

La nieve sólo ha venido a seiialar,
con su delgado dedo sin ariiculaciones,
al verdadero y escandaloso protagonista.

La nieve es un ángel caido,
un ángel que ha perdido la paciencia.

Roberto Juarroz – Vertikale Poesie

sneeuw

ESTAMPA DE INVIERNO
(Nieve)
¿Dónde se han escondido los colores
en este dia negro y blanco?
La fronda, negra; el agua, gris; el cielo
y la tierra, de un blanquinegro pálido;
y la ciudad doliente
una vieja aguafuerte de romántico.

El que camina, negro;
negro el medroso pájaro
que atraviesa el jardin como una flecha …
Rasta el silencio es duro y despintado.

La tarde cae. El cielo
no tiene ni un dulzor. En el ocaso,
un vago amarillor casi esplendente,
que casi no lo es. Lejos, el campo
de hierro seco.
Y entra la noche, como
un entierro; enlutado
y frío todo, sin estrellas, blanca
y negra, como el día negro y blanco.

J.R. Jiménez

WINTER SCENE
(Snow)
Where have the colors all gone to
today, that is so black and white?
The leaves black, the water gray, the sky
and the ground a sort of faded white and black,
and the mournful city
is like an old steel engraving by some roman tic.

The man who is walking is black,
the startled bird is black
shooting across the garden like an arrow . . .
Even the silence is harsh and faded.

Dusk falls. There is nothing gentle
about the sky. In the west, an indecisive
yellow light that almost glitters
and almost doesn’t. Over there, fields
like dry iron.
And the night comes, like
a burial; it is all wrapped in black
and cold, no stars, all white
and black, like the black and white day.

J.R. Jiménez

Winter

Der Winter wiegt in Weiss die Welt zutode.
Vergehend fleht der Tag zum ersten Sterne
Und fasst nach einem Zipfel seiner Ferne,
Dass nicht die Nacht ihn aus der Erde rode.

Die Armen frieren bei versteintem Brode.
Die kalte Hand gibt nichts und geigelt gerne,
Dass der Verlassne auch das Schauern lerne,
Denn Not und Furcht sind van der gleichen Mode.

Mit kranken Perlen aus der Kälte Zwang
Will sich im Schlaf der schlichte Sinn beflittern.
Und unten geht die Zeit mit lahmem Gang.

Doch während Greise nun in Siechtum zittern,
Erhebt der Knabe sich im Überschwang
Durch weisse Nacht zu Höhn und Ungewittern.

Albert Drach
HEIMKEHR

An meinen Wangen brennt es heiß,
auf meiner Lippe bebt es noch,
weil ich mein Herz ihr übertrug
zum Sprechen; alle Sprache war
voll Irrtum und Befangenheit,
ein Übermut, ein jäher Klang.
So war mein Sprechen, ach, dies zeigt
sich auf der roten Wange noch,
die ich nach Hause trage jetzt.
Ich senke meinen Blick zum Schnee
und geh’ vorbei an manchem Haus
,an mancher Hecke, manchem Baum,
der Schnee ziert Hecke, Baum und Haus.
Ich geh’ vorbei, den Blick zum Schnee
gesenkt, an meiner Wange ist
nichts, als erinnerungsheißes Rot,
mich mahnend an die wüste Sprach‘.

Norbert Walser

WEINENDEN HERZENS

Ich fühle tausend Dinge, wenn
ich an dich denke, Jesus.
Heiß wird mir, denn
dein Name ist ein verwirrender Kuß.

Du stehst noch immer im Schnee
und starrst, was die Armen wollen,
die Armen, die dir so weh
getan haben sollen.

Das taten jedoch nicht sie,
das Schauerliche deines Tods,
jene Einsamen, nein, nie!
Das tat ein betrunkener Trotz.

Das taten rohe Gesellen
die an Verkommenheit reich.
Die Armut hat mit den Quellen
deines Bluts nichts gemein, nichts gleich.

Ich will unter Armut verstanden
haben ein stilles Weh,
Menschen, die außer den Banden,
der Tat, hingestreut, weich, wie Schnee.

Und starrend licht wie derselbe,
und Jesus sieht ihnen zu,
noch heute, seine gelbe
helle Haarwelle flattert ohne Ruh’.

Bisweilen kommt es dahin,
daß Jesus noch einmal lacht,
zärtlich, und mit wunderbarem Sinn
und beruhigend wie eine Nacht.

Am Morgen sind dann im Schnee
von ihm noch Fußstollen.
Er gehört den Armen,
die ihm so wehgetan haben sollen.

Norbert Walser
DER SCHNEE

Der Schnee fällt nicht hinauf
sondern nimmt seinen Lauf
hinab und bleibt hier liegen,
noch nie ist er gestiegen.

Er ist in jeder Weise
in seinem Wesen leise,
von Lautheit nicht die kleinste Spur.
Glichest doch du ihm nur.

Das Ruhen und das Warten
sind seiner üb’raus zarten
Eigenheit eigen,
er lebt im Sichhinunterneigen

Nie kehrt er dorthin je zurück,
von wo er niederfiel,
er geht nicht, hat kein Ziel,
das Stillsein ist sein Glück.

Norbert Walser

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